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Wie ich lernen musste mein Kind zu lieben – Geburtstrauma und Depression

Wie ich lernen musste mein Kind zu lieben – Geburtstrauma und Depression

* Die Namen in der Geschichte wurden verändert


Noch heute werde ich komisch angeschaut, wenn ich meine Geschichte erzähle, denn das Thema Geburtstrauma und Depression ist oft ein Tabu-Thema.


Mein Name ist Sarah , 24 Jahre alt mit meinem Sohn Lukas, 4 Jahre alt und das ist unsere Geschichte:


Mit 19 wurde ich ungeplant schwanger. Ich war damals in einer schulischen Ausbildung zur staatlich anerkannten SPA (Sozialpädagogische Assistentin), als ich erfuhr dass ich in der 6. Woche Schwanger bin. Das war im Sommer 2012.
Schnell war klar, dass wir das Kind behalten. Nach anfänglichen Ängsten überkam mich die Freude, dass ich Mutter werde und mein Kind in mir heran wächst. Wenn er mich getreten hat und ich ihn in mir gespürt habe, war es bedingungslose Liebe und ich freute mich auf die Zeit, wenn er endlich da ist und ich ihm noch mehr lieben schenken kann. So dachte ich zumindest zu dem Zeitpunkt, doch  es kam alles anders.


Im 7. Monat der Schwangerschaft wurde ich bereits krank geschrieben, da ich sehr viele Wasser Einlagerungen hatte. Mit dem Kindsvater wollte ich noch nicht zusammen ziehen, da wir noch nicht lange ein Paar waren. Ich ließ mich damals jedoch von seiner Familie beeinflussen und so zogen wir doch zusammen.


Schon in der Schwangerschaft war mir klar, dass ich nicht stillen möchte. Ich kann nicht genau sagen warum, ich wollte es einfach nicht. Es ist möglich, dass es daran lag, dass ich im Alter von 16 und 18 Jahren jeweils einen gutartigen Tumor hatte, der beide Male erfolgreich entfernt werden konnte. Der Gedanke, dass sich mein Baby aus der Brust ernährt, die bereits angegriffen war, war für mich alles andere als schön.
Ich stieß mit dieser Entscheidung bei der Familie des Kindsvaters auf viel Widerspruch und musste mir immer wieder Vorwürfe anhören. Ich behauptete dann, ich würde es versuchen, damit für den Zeitpunkt Ruhe war.


An einem Sonntag Nachmittag im März 2013, war ich bereits 40+3, als ich gerade das Badezimmer putzen wollte. Plötzlich platze die Fruchtblase. Wir sind sofort mit dem Taxi ins Krankenhaus gefahren, doch an diesem Abend ist nicht mehr viel passiert. Ich blieb im Patientenzimmer des Kreisssaals und bin noch einmal duschen gegangen.
Am nächsten Morgen um 9 Uhr wurde mit einem Gel eingeleitet und die Wehen haben sehr schnell eingesetzt.


Gegen 13 Uhr wurde ich ins Geburtszimmer gebracht. Die Schmerzen wurden so stark, dass ich eine PDA bekommen habe. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst welche Folgen dies hatte, hätte ich mich dagegen entschieden. Ich habe die PDA nicht vertragen und bekam schreckliche Kopfschmerzen.


Ich hatte wirklich eine tolle Hebamme, die zusammen mit dem Kindsvater eine tolle Unterstützung war. Sie war sehr einfühlsam. Leider gab es dann einen Dienstwechsel.
Für mich war nun eine Hebamme verantwortlich, die alles andere als einfühlsam und freundlich war. Fragen meinerseits wurden erst nach mehrfacher Nachfrage beantwortet.
Die Wehen wurden stärker und schlimmer. Zwischenzeitlich ist eine Ärztin dazu gestoßen, die alle 20 Minuten am Köpfchen meines Sohnes Blut abnahm.  Sie sah sehr besorgt aus. Bis ich erfahren habe warum, sind Stunden vergangen. Die Herztöne meines Sohnes waren nicht wie sie hätten sein sollen.


Aus Verzweiflung bat ich um einen Kaiserschnitt, den ich eigentlich gar nicht wollte. „Darüber müssen wir sowieso sprechen“, war die Antwort der Ärztin. Kurze Zeit später kam sie mit Unterlagen zu mir und stellte mich vor die Wahl: Entweder das Kind wird JETZT per Kaiserschnitt auf die Welt geholt oder es müsse womöglich ein Notkaiserschnitt in Vollnarkose gemacht werden. Auf den Rat der Ärztin entschieden wir für den sofortigen Kaiserschnitt.


21 Uhr Jetzt ging plötzlich alles ganz schnell. Gefühlte tausend Fragen musste ich in kürzester Zeit beantworten und alles mögliche Unterschreiben. 21:10 Uhr Vor mir dieses grüne Tuch und rechts neben mir der Kindsvater. Auf einmal ruckelte es und dann hörte ich ihn – den ersten Schrei meines Sohnes. Er wurde mir kurz gezeigt und dann war er wieder weg. Die Ärzte haben ihn aus mir heraus geholt. Ihn mir einfach weg genommen. Ich fühlte mich so alleine war sehr verletzt. Sein Vater sagte mir, dass mein Sohn gesund sei. Er habe nur an einem Fuß 6 Zehen, was jedoch unproblematisch sei. Plötzlich wurde mir schwindelig und übel. Ich musste mich übergeben.


Dann schlief ich ein, ohne dass ich das wollte.  Als ich wieder wach wurde, saß der Kindsvater mit unserem Sohn vor mir auf einem Stuhl. Er fragte, ob ich ihn halten möchte doch ich verneinte, da  sich  meine Hände ganz taub anfühlten. Wir mussten noch einige Zeit im Kreisssaal verbringen, bevor wir auf die Mutter-Kind-Station verlegt wurden. Auf die Frage, wie mein Kind nach oben gebracht wird, antwortete sie ,“Auf ihrem Arm’’. Dies schien mir unmöglich, aber mein Sohn wurde mir einfach in die Arme gelegt. Auf der Mutter-Kind-Station wurden wir sehr freundlich empfangen und beglückwünscht. Wir haben ein großes Einzelzimmer bekommen. Meinen Sohn konnte ich in ein schönes Beistelltet legen, in dem er ruhig schlummern konnte. Gegen 4 Uhr Nachts ist der Kindsvater nach Hause gefahren und dann war ich auf mich alleine gestellt. In der ersten Nacht verlief alles ruhig.


Allerdings konnte ich weder alleine aufstehen, noch alleine zur Toilette gehen. Ich hatte noch immer höllische Kopfschmerzen von der PDA.  Als wenn jemand permanent mit einem Hammer auf meine Stirn haut. Jede Bewegung war schmerzhaft.


Ich habe dann entgegen meiner Vorsätze tatsächlich versucht zu stillen, was allerdings nicht klappte. Das Abpumpen war für mich persönlich eine Katastrophe, da ich mich sehr unwohl gefühlt habe. Dies merkten auch die Schwestern. Eine Schwester der Station holte eine Flasche, gab sie meinem Sohn und empfahl mir zukünftig die Flasche zu geben, damit ich entspannter sein könnte. Und genau das haben wir von da an auch gemacht. Und mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen, denn sie gaben mir das Gefühl, dass es völlig ok ist sein Kind nicht zu stillen.


Nach etwa 2 Tagen im Krankenhaus kam eine Schwester zu mir ins Zimmer. Sie nahm sich einen Stuhl und erzählte mir, dass sich das gesamte Personal der Station Sorgen um mich machen würde. Sie hatten den Eindruck, dass ich sehr traurig sei. Und dann brach es aus mir heraus. Ich bestätigte, dass ich sehr traurig bin und ich die ganze Zeit mit den Tränen kämpfe. Dass ich weiß, dass ich mein Kind liebe, es aber nicht spüren kann. Während der ganzen Schwangerschaft habe ich ihn gespürt, beschützt und geliebt. Jetzt spürte ich gar nichts mehr. Ich fühlte mich einfach nur schlecht und machte mir Vorwürfe deswegen. Die Kopfschmerzen, die nach wie vor heftig waren hinderten mich daran meinen Sohn zu waschen, zu wickeln oder anzuziehen. Die Flasche geben konnte ich, wenn eine Schwester sie mir brachte. Immer wieder schaute ich ihn an und konnte nicht verstehen, wieso ich ihn nicht lieben konnte. Die Art und Weise, wie er mir während der Geburt entrissen wurde, machte mir immer noch sehr zu schaffen. Er wurde einfach aus mir heraus geschnitten  – nach 13 Stunden Wehen!


Die Diagnose war schnell klar: Baby-Blues und Wochenbett-Depression


Ich hatte das Gefühl versagt zu haben, weil ich es nicht geschafft habe meinen Sohn natürlich zu gebären. Es fehlte etwas. Und das war das letzte Stück der Geburt.


Tag 5 nach dem Kaiserschnitt. Ich wusste, dass ich theoretisch nach Hause gehen könnte, doch ich wollte nicht. Ich hatte solche Angst und war sehr erleichtert als man mir bestätigte, dass ich noch bleiben darf. Zudem habe ich während des Kaiserschnitts das dreifache an Blut verloren als normal und ich hatte sehr schlechte Eisen- und Blutdruckwerte, weshalb ich viele Medikamente nehmen musste.


Nach ca. 7 Tagen sollte ein Blutpatching gemacht werden, da die Kopfschmerzen nicht besser wurden. In den vergangenen 7 Tagen wurden verschiedene Medikamente ausprobiert, aber nichts hat geholfen. Doch dann bekam ich Fieber und das Patching konnte nicht durchgeführt werden. Am nächsten Tag wurden die Kopfschmerzen langsam besser. Ich konnte zum ersten mal meinen Sohn wickeln, waschen und anziehen. Noch immer war er mir sehr fremd und kuscheln war für mich eine Qual. Die Leiterin der Psychiatrie war zwischenzeitlich bei mir gewesen und wir hatten gesprochen.


Als mein Sohn 11 Tage alt war, sind wir aus dem Krankenhaus entlassen worden. Der Kindsvater ist gleich am ersten Abend seinem Nebenjob nachgegangen. Ich fühlte mich sehr einsam und allein gelassen.


Ein paar Wochen nach der Geburt beim Frauenarzt habe ich erfahren, dass ich vermutlich eine leichte Schwangerschaftsvergiftung hatte. Viele Symptome haben dafür gesprochen. Das war erstmal ein Schock, jedoch wusste ich, dass es meinem Sohn gut geht und nur das war wichtig.


Unsere Familienhebamme war klasse und hat uns das gesamte erste Lebensjahr begleitet. Trotzdem wurde aus dem Baby-Blues eine schwere Wochenbett-Depression, die noch lange anhalten sollte.


1 Jahr nach der Geburt meines Sohnes habe ich mich in Therapie begeben um die Geburt zu verarbeiten. Diese Therapie ging etwa 8 Monate und ich war in der Regel einmal die Woche dort. Für mich war das Wort ,,Geburtstrauma’’  ganz neu und mir fiel es sehr schwer diese Diagnose zu akzeptieren.


In der Zeit habe ich gelernt meinen Sohn zu lieben. Ich habe mich viel und intensiv mit ihm beschäftigt. Ich habe mich überwinden müssen mit ihm zu kuscheln und ihm nahe zu sein, habe aber immer stärkere Muttergefühle für ihn entwickelt. Der Kindsvater und ich haben uns getrennt, als unser Sohn ca. 6 Monate alt war. Zum Glück hat er dies gut verkraftet.


Seit Januar 2014 nehme ich wegen der Depressionen Medikamente.


Zum Schluss möchte ich sagen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass bei der Geburt alles gut verläuft. Eine Geburt ist nicht planbar, dass wissen wir alle.
Doch müssen wir uns im Kreissaal wirklich alles gefallen lassen? Hätte ich damals die Erfahrung und den Mut von Heute gehabt, hätte ich um einen Wechsel der Hebamme gebeten.


Ich musste lernen mein Kind zu lieben und ich musste lernen das Geburtstrauma zu verarbeiten.


Meine schulische Ausbildung zur SPA (Sozialpädagogische Assistentin) habe ich im Sommer 2014 abgeschlossen und mache nun eine schulische Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin, die ich voraussichtlich im Sommer 2018 abschließe.


 

Wenn mich heute jemand fragt, ob ich mir noch mehr Kinder wünsche, würde ich dies bejahen. Mein jetziger Partner und ich wünschen uns ein gemeinsames Kind. Ich würde mir allerdings schon zu Beginn der Schwangerschaft eine Hebamme suchen. Ich wünsche mir eine Beleghebamme, die mich vor, während und nach der Geburt betreut. Dadurch würde ich mich viel sicherer fühlen.

 



 

Liebe Sarah, vielen Dank auch für deine Geschichte und deinen Mut deine Erlebnisse mit uns zu teilen. Sicher gibt es unter den Leserinnen gleichgesinnte, denen deine Geschichte Kraft gibt.

Wenn DU auch eine Geschichte hast, die erzählt werden soll und thematisch auf meinen Blog passt, zögere nicht und melde dich bei mir unter ka.bloggt@gmail.com



kabloggt
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