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Was ist schon die Norm?

Was ist schon die Norm?

„Jedes Kind braucht seinen Fähigkeiten entsprechend angemessen Raum; allerdings immer groß genug, den nächsten Entwicklungsschritt zuzulassen.”  (Emmi Pikler)

20.Februar 2017, ich sitze am Frühstückstisch. trinke einen Kaffee. Die Nacht war so lala, ich mache mir viele Gedanken. Gleich geht es mit meinem knapp 2 Jahre alten Sohn Emil zur U7. Eigentlich eine Routine Untersuchung, aber für mich jedes Mal ein Graus und auch dieses Mal habe ich davor Bauchschmerzen.

Warum? Weil Emil kein Wort spricht, auf jeden Fall kein verständliches. Er spricht und singt in seiner ganz eigenen Sprache „Emilisch”, den ganzen Tag. Aber ich weiß, bei der Untersuchung steht die Sprachentwicklung im Vordergrund. Ja, sie wird regelrecht geprüft und Emil wird „durchfallen“. Ein Wort, was wohl keine Mutter in Bezug auf ihr Kind mag. Ich frage mich, kann man bei so einer Untersuchung tatsächlich durchfallen? Ich meine, der Kleine ist knapp 2 Jahre alt. Doch ich wurde schon des Besseren belehrt, denn ein Jahr zuvor, Emil war knapp ein Jahr alt, ist er schon durch die U6 gefallen. Ja, das hört sich schlimm an, aber so war es für mich auch. Ein Vermerk im U-Heft bestätigt es: „Motorisch unterentwickelt“. Die Folge, 10 mal Physiotherapie und ein Arztwechsel. Und nur weil Emil, kurz vor seinem ersten Geburtstag, nicht laufen wollte. Dabei war er ein super Krabbelkind, kam überall in einem Affentempo hin, erreichte alles. „Keine Stehbereitschaft” meinte die Ärztin. Ja stimmt, aber das Kind war barfuß und der Boden kalt und so zog er seine Füße schnell wieder hoch. Doch da ließ sich die Ärztin nicht drauf ein …

Ab dem Zeitpunkt wurde jeder Arztbesuch für mich zu einer Stresssituation. Ich fing an, an dem Entwicklungsstand von meinem Sohn zu zweifeln. Ich habe viel gegoogelt, bin mit ihm brav zur Physiotherapie gegangen und habe ihn ständig animiert zu laufen. Ich hatte das Gefühl, alle Kinder um uns herum liefen schon perfekt, auf Instagram, Facebook, YouTube, die Kinder unserer realen Freunde. Und andauernd wurden wir gefragt: „Läuft er schon?” In der 7. Physiostunde, stellte der Therapeut forsch fest: „Ich weiß gar nicht was ich mit Emil machen soll. Er ist nicht behindert, nur ein bisschen faul und irgendwann wird er laufen.” Nach dieser Stunde beschlossen mein Mann und ich dort nicht mehr mit Emil hinzugehen, und ihn sich in seinem eigenen Tempo entwickeln zu lassen. „Er wird irgendwann laufen”, und der Tag kam. Mit genau 18 Monaten ist er aufgestanden und gelaufen und gelaufen und er ist nun ein toller und ausdauernder Läufer. Und jetzt wünsche ich mir tatsächlich ab und an, er würde noch mal lieb auf seiner Decke liegen. 😉

So, nun war ein Jahr vergangen und die U7 stand an. Ich wusste schon, dass Emil wieder einen Vermerk in das U-Heft bekommen würde. Kaum in der Praxis angekommen, drückte mir die Arzthelferin einen Bogen mit Wörtern in die Hand, es waren um die 100. Ich sollte doch bitte ankreuzen, welche er sprechen könnte. Tja, da saß ich nun mit der Liste in der Hand, wusste gar nicht was ich denken sollte. Langsam fing ich an zu schwitzen, ich konnte kein einziges Wort ankreuzen. Emil sprach zu dem Zeitpunkt nur ein Wort: heiß, aber das stand gar nicht auf der Liste. Wir wurden ins Behandlungszimmer gerufen und da war es wieder, dieses seltsame Gefühl im Bauch. Der Arzt, ein wirklich netter Mann, schaute auf die Liste und sagte erst mal nichts. Er sah mich an und ich wollte mich gleich rechtfertigen, frage mich grad auch, für was eigentlich, aber dann beruhigte er mich und sagte: „Das ist doch kein Problem. Es gibt einfach Kinder die spät anfangen zu sprechen.” Puh, mir ging es direkt ein bisschen besser. Das U-Heft war allerdings wieder mit einer Bemerkung gekennzeichnet: „Latetalker.” Keine U ohne eine Bemerkung im Heft. Und ich wusste ja auch, dass die gleichaltrigen Freunde von Emil schon ganze Sätze sprechen.



Warum spricht mein Kind nicht, hat er irgendwas, kann ich ihn noch mehr fördern, noch mehr mit ihm reden, noch mehr mit ihm singen? Mit einer Überweisungen zum HNO gingen wir aus der Praxis. Eine Routine Untersuchung. Abklären, ob seine Ohren in Ordnung sind. Man will ja nichts stecken lassen. Einen Monat später stand diese Untersuchung an. Alles ok, trotzdem eine weitere Überweisung in die Uniklinik Bonn, da Emil bei der Untersuchung recht unruhig war und dieser Termin ist in der nächsten Woche. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, ob das nötig ist, ist ja auch jedes Mal Stress für das Kind, das wollen wir eigentlich nicht. Doch wir machen es, um alles auszuschließen.

Ich bin jetzt schon wieder nervös, was kommt da nun wieder auf uns zu, fast ein bisschen Angst ist mein Gefühl. Emil ist wirklich ein sehr munteres und lustiges Kind. Er versteht alles, er will aber einfach nichts nachsprechen. Es gibt Tage, da bin ich mir sicher, dass er bald ganz normal los reden wird und dann gibt es die Momente, wo Zweifel und Angst hochkommen. Geschürt von all den Berichten, Freunden, Nachfragern: „Redet er schon?”

Was ist schon die Norm, was ist normal? Emil hat sein ganz eigenes Tempo und das hat er uns ja schon mit seiner Geburt gezeigt. Damals hatte er es besonders eilig und jetzt lässt er sich eben ein bisschen mehr Zeit.

Wir freuen uns schon auf die nächste U-Untersuchung. 😉



„Ein Säugling fördert sich selbst von früh bis spät. Ihn zum Sitzen oder Stehen aufzurichten ist nicht nur überflüssig, sondern schädlich.“
„Die Absicht des Erwachsenen zu helfen oder zu fördern verhindert geradezu, dass das Kind die Initiative ergreifen kann, das Angefangene selbständig zu Ende zu führen.“ (Emmi Pikler)


Danke auch an Dich Maike, für Deine Geschichte. Wenn ihr wissen möchtet, was bei dem Termin rausgekommen ist könnt ihr gerne bei Instagram auf ihrer Seite vorbeischauen. Der Termin war nämlich mittlerweile dann schon.
Wenn DU auch eine Geschichte hast, die erzählt werden soll und thematisch auf meinen Blog passt, zögere nicht und melde dich bei mir unter ka.bloggt@gmail.com

Bis bald,

kabloggt
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