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Mama, ich hab Dich nicht Lieb! Ein Brief an meinen 4-jährigen Sohn.

Mama, ich hab Dich nicht Lieb! Ein Brief an meinen 4-jährigen Sohn.

Mein lieber großer Onno-Schatz,

 

ich bin auf dem Weg in die Stadt, in der ich Deinen Papa kennen gelernt habe und in der Du das erste halbe Jahr Deines Lebens verbracht hast. Zu der Zeit hatte ich noch keine Ahnung, wie sehr Du – zu der Zeit noch ein kleines, friedliches Baby – mich heute an meine Grenzen bringen kannst.

 

Jetzt bist Du 4 Jahre alt. Du bist sehr selbstbewusst und Du hast Deinen eigenen Kopf. Im Kindergarten bekamen wir kürzlich erst die tollsten Dinge über Dich zu hören. Das war wirklich sehr schön und es hat mir gut getan, so viele schöne Dinge über Dich zu hören. Wir zwei haben es doch gerade so schwer!

 

Als Du die ersten paar Male sagtest, dass Du mich nicht lieb hast, habe ich mir nichts weiter dabei gedacht. Das sagt doch jedes Kind mal im Zorn. Aber mit jedem weiteren Mal hat es mich mehr getroffen. Vor allem, da es nicht mehr nur in Konfliktsituationen vor kam. Ich gebe zu, mittlerweile verletzt es mich doch sehr, wenn Du davon erzählst wen Du alles liebst oder lieb hast und wenn ich nach frage, ob ich auch dazu gehöre ein deutliches Nein zu hören bekomme.

Mein ganzes Leben – all mein Handeln und Tun – dreht sich eigentlich nur um Dich und Deine Geschwister. Natürlich weiß ich, dass du mich tief im Inneren bestimmt genau so lieb hast wie ich Dich, aber ich glaube Du selbst weißt das zur Zeit nicht wirklich. Es ist ja eigentlich auch schon immer so, dass Du – wie auch Karla – ein absolutes Papa-Kind bist. Das wundert mich auch eigentlich überhaupt nicht. Der Papa ist viel seltener zu Hause als ich und wenn er da ist albert er ordentlich mit euch herum. Mir ist das immer schon zu viel, weil ich weiß, dass es oft zu doll wird und ausartet. Es endet oft in Streit und Gebrüll. Und ich stehe dann da, wie die strenge und langweilige Mutter, wenn ich mich beschwere und versuche die Kinder wieder „runter zu bringen“.

 

Ich gebe auch zu, dass ich mir sehr selten intensiv Zeit für Dich nehme. Klar, ihr bestimmt meinen ganzen Tag. Ich versuche einigermaßen den Haushalt zu führen und alle Dinge zu erledigen, die man so erledigen sollte. Wenn ich dann mal eine Pause habe, möchte ich meist einfach ein bisschen ausruhen. Ich  brauche diese Pausen für mich. Du und auch Karla – ihr konntet euch schon immer ganz toll alleine beschäftigen und jetzt auch hin und wieder gemeinsam. Ich sah es nie als notwendig an, mich dazu zu setzen und mit zu spielen. Jetzt merke ich, dass es vielleicht doch wichtig wäre hin und wieder intensiv Dinge mit euch und – mit Dir – zusammen zu machen, ohne nebenher noch andere Dinge zu tun.

 

Deine Wutausbrüche hast du nicht nur bei mir. Auch Papa und sogar Oma haben das schon mit Dir durch. Das hat nichts mit mir oder mit uns zu tun. Allerdings habe ich das Gefühl, dass unsere Mama-Sohn-Beziehung mit jedem Mal mehr ins Wanken kommt. Der Papa reagiert immer so emotional, was ich schon oft kritisiert habe, weil ich das Gefühl habe, dass Du in Trotz und Wut ganz schnell merkst, dass der Papa genervt ist und Du dann erst recht weiter machst, weil Du weißt, der Papa ist so genervt, dass Du Deinen Willen dann doch irgendwann bekommst. Ich gebe mir immer die allergrößte Mühe völlig ruhig zu bleiben. Kein Stöhnen und Seufzen und auch kein völliger Gefühlsausbruch. Das hat schon so manche Konfliktsituation  ganz schnell gelöst. Du hast gemerkt oder zumindest gedacht: Ok, damit kann ich Mama nicht ärgern oder aus der Bahn werfen.“ – denn eigentlich ärgert mich Dein Verhalten natürlich total. Es macht mich wütend und traurig und eigentlich möchte ich Dich manchmal nur anschreien. Klar, ab und zu habe auch ich nicht alles unter Kontrolle und es wird mal lauter, aber ich schaffe es meist ganz schnell, meine Wut wieder herunter zu schlucken. Für Dich wirke ich dann womöglich eiskalt – quasi Gefühlskalt. Wie gesagt, es funktioniert meist einfach ganz gut und Du kriegst dann nochmal die Kurve bevor eine Situation ansonsten eskaliert wäre. Aber vielleicht „stört“ das auch unsere Bindung?

Mit Deinem Papa kannst Du zanken und brüllen. Irgendwann schreit oder heult ihr beide, aber im Anschluss liegst Du wieder in seinen Armen und sagst ihm, dass du ihn liebst.

 

Natürlich verstehe ich auch, dass Du meine Rolle in der Familie erst wieder kennen lernen musst. Du hast zwei Schwangerschaften miterlebt und gerade in der Schwangerschaft mit Paul hast Du deutlich gemerkt, dass ich kaum noch eine „Rolle“ im Familienalltag gespielt habe. Mir ging es einfach so schlecht, dass ich weder alltägliche Aufgaben erledigen konnte, noch hatte ich die Kraft Konflikte zu lösen. Ich konnte mich die meiste Zeit ja nicht mal um mich selbst kümmern. Der Papa war in der langen Zeit unser Anker. Er hat einfach alles gestemmt, während ich apathisch auf der Couch lag.

 

Ich habe eigentlich gar nicht das Gefühl, dass ich jetzt so viel falsch mache. Ich möchte nur, dass Du nicht ausrasten musst und das es Dir gut geht – weil ich Dich so unglaublich lieb habe, auch wenn dieses Gefühl sich in der letzten Zeit oft in die hinterste Ecke verkriecht.

 

Ich wünsche mir, dass ich wieder mit ganz viel Freude und Liebe für Dich auf Dich zugehen kann und das auch Du Dich wieder erinnerst wie lieb Du mich hast.

 

Ich habe jetzt das ganze Wochenende in Hamburg. Ganz für mich allein. In dieser wundervollen Stadt in der ALLES angefangen hat. Ein Wochenende um tief durch zu atmen und neue Energie zu sammeln. Und ganz viel Zeit um Dich, Deine Geschwister und Deinen Papa zu vermissen. Und wenn ich wieder zu Hause bin, dann nehme ich mir Zeit NUR für Dich.

 

Versprochen!

 

kabloggt
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