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Früher Start ins Leben

Früher Start ins Leben

Ich erinnere mich noch gut daran, als ich das Teststäbchen in den Händen hielt und zwei rosa Striche zu sehen waren.

Es hatte tatsächlich geklappt. Ich war schwanger.

Ich konnte es nicht wirklich glauben und besorgte mir sofort einen zweiten Schwangerschaftstest. Auch dieser war positiv. Ich war aufgeregt, nervös und sofort unglaublich ängstlich. Diese Angst ist ein ständiger Begleiter meines Lebens, welcher ich tagtäglich den Kampf ansagen muss. Sie kommt immer wieder zurück, egal ob ich den Kampf fürs erste gewonnen oder verloren habe. Nun kamen Ängste hinzu, die mir bisher fremd waren. Angst um eine andere Person. Angst vor der Verantwortung. Angst etwas Falsches zu essen, zu machen, mich falsch zu bewegen.

Als mir der Arzt mit dem Herzschlag dieses kleinen Wunders bestätigte, dass es tatsächlich existiert, waren Freude und Angst gleichauf. So sehr hatte ich es mir gewünscht.

Ich hatte allerdings unterschätzt, was für eine Verantwortung es ist, jemandem seinen Körper zu leihen, um darin zu gedeihen. Was wenn mein Körper nicht gut genug für diesen Prozess ist? Vorbei waren meine Illusionen, dass Schwangerschaft ausschließlich etwas wunderschönes und entspanntes ist. Zumindest nicht, wenn man gestrickt ist wie ich. Kann es zwar mit Sicherheit auch sein, aber ich bin einfach nicht der Typ für Entspannung.



Die nächsten Monate stellte ich allerdings erstaunt fest, dass auch mein Körper in der Lage war, einen Menschen zu beherbergen, ihm Nährstoffe zu bieten und ihn wachsen zu lassen. Ich war so stolz. Und erleichtert. Ich war voller Zuversicht und Vorfreude und umso näher der Termin des Kennenlernens rückte, umso mehr wuchs meine Überzeugung, dass ich es schaffen würde.

Die Angst wich nie komplett, aber ich konnte sie in ihre Grenzen weisen und ihr etwas handfestes entgegensetzen- meinen wunderschönen kugeligen Bauch, der sich täglich bewegte und mir so mitteilte, dass es meinem Baby gut ging. Ich gönnte mir immer wieder etwas Zuversicht und Vertrauen. Ich kommunizierte mit meinem Baby, sang ihm Lieder vor, erzählte ihm Geschichten. Versicherte ihm, dass es mir egal sei, ob ich Mutter einer Tochter oder eines Sohnes werden würde. Es solle einfach gesund und munter in diese Welt landen.

Je näher der Tag der Ankunft kam, desto stärker wurden meine inneren Augenbilder. Ich hatte genaue Wünsche und Vorstellungen, wie die Geburt abzulaufen habe, ich war vorbereitet, ich war stark und mutig, wie ich es nicht von mir kannte und voller Tatendrang. Ich wusste mit dem Mann an meiner Seite schaffe ich alles und ich versicherte mir selbst, dass es nicht so schlimm werden wird, wie viele erzählen. Ich war so von der Idee einer natürlichen, schmerzarmen Geburt belagert, dass ich mir nichts anderes für mich mehr vorstellen konnte. Kaiserschnitt? Nicht ich, niemals. Komplikationen? Was sollte jetzt noch kommen, nachdem all die vergangen Monate zeigten, dass meine Angst überflüssig war.

Umso überraschter war ich, als ich eines nachts acht Wochen vor der Geburt aufwachte und realisierte, dass ich Wehen hatte. Starke Wehen. Minütlich wieder kehrende Wehen. Unmöglich sagte ich mir und versuchte mich zu entspannen. Aber die Panik gewann ein weiteres Mal in meinem Leben überhand. Ich flehte zu Gott, was ich nachts des Öfteren tue, denn die Ängste meines Lebens sind nachts viel größer, schlimmer und unüberwindbarer. Nachts bin ich irgendwie handlungsunfähig. Ich ignorierte diese bohrenden Schmerzen so gut es ging und versuchte zu schlafen. Irgendwie kam ich durch die Nacht. Doch als ich morgens feststellte, dass es schlimmer statt besser wurde, hatte ich keine Wahl mehr. Ich musste zum Arzt. Die Ganze Fahrt über hatte ich starke Wehen und konnte es gleichzeitig nicht glauben.

Das ist doch falsch. Ich habe doch noch Zeit. Ich bin noch nicht so weit. Ich will zurück in mein Bett. Warum muss das jetzt sein? Die ganze Fahrt über rasten mir solche Gedanken durch den Kopf. Während der letzten 32 Wochen hatte ich Angst, mein Kind könne eine schlimme Krankheit haben oder gar nicht erst auf die Welt kommen, aber keine einzige Minute dachte ich daran, dass Kinder zu früh kommen können. Bis zu diesem Augenblick. Ich fragte mich während der Fahrt, was passieren würde, wenn ich heute gebäre. Ich wusste nichts über diese Thematik und versuchte positiv zu denken.

Entgegen meiner leisen, kleinen Hoffnung bestätigte der Arzt die Wehentätigkeit und überwies mich umgehend ins Krankenhaus. Was sollte das bedeuten? Das Baby ist doch noch nicht so weit. Steht mir eine Geburt bevor? Ich fuhr mit meinem tapferen Mann schweigend Seite an Seite in die Klinik. Ich musste bleiben. Die starken Wehen wurden durch einen Wehenhemmer vergeblich versucht zu unterdrücken und ich bekam eine Lungenreifung für den kleinen Menschen in mir.
Ich war wie in Trance. Alles raste an mir vorbei und die Schmerzen hörten einfach nicht auf. Aber mein Baby bewegte sich mehr denn je. Als wolle es sagen, dass alles gut wird und ich mir keine Sorgen machen soll.

Am Abend zuvor bin ich noch mit meinem Mann durch den Wald gelaufen. Mir ging es wunderbar. Ich war entspannt und wir plauderten über die nächsten Wochen, was wir noch alles machen wollten, bevor das Baby kam. Was wir noch kaufen mussten, was wir noch unternehmen wollten. Ich lernte für eine Prüfung, die in drei Wochen anstand und freute mich, mich langsam auf die Klinik und das Baby vorzubereiten. Ich wollte jeden Tag eine kleine Sache für die Ankunft erledigen. Aber doch nicht so. Und noch nicht jetzt.
Das war nicht geplant. Das war nicht abgemacht. So ging das doch normalerweise nicht. Die anderen Frauen kriegen es doch auch hin ohne so einen Zwischenfall dachte ich mir immer wieder enttäuscht. Enttäuscht über die Situation. Enttäuscht über meine Körper, der es voraussichtlich nicht schaffte, dem Kind genügend Zeit zum reifen zu gewährleisten, Enttäuscht von der Gesamtsituation.

Hatte ich am Ende doch Recht gehabt mich zu sorgen? Aber all die Ängste der vergangenen Monate halfen mir nun auch nicht, mit der Situation klar zu kommen. Wir glaubten weiterhin an ein gutes Ende. Hofften, dass ich noch einmal nach Hause durfte. Dass das Baby sich noch etwas Zeit lässt.
Der Plan der Ärzte klang zuversichtlich. Wehen in den Griff kriegen und Kind so lange es geht im Bauch behalten.
Doch mir ging es zunehmend schlechter, was ich auf den Wehenhemmer schob und ich fühlte mich in der Nacht unglaublich einsam. Ich war entweder allein im Zimmer oder mit Frauen, die in den Wehen lagen mit einem reifen Baby im Bauch. Ich wusste nicht, was schlimmer war. In der dritten Nacht spitzte sich mein Zustand zu, ich konnte nicht mehr klar denken und hatte furchtbare Schmerzen.

Am morgen stand fest, dass das Baby aufgrund eines ausgeprägten Hellp- Syndroms per Notkaiserschnitt geholt werden muss. Wir hatten keine Wahl, ich war in Lebensgefahr und somit auch das Baby. Es fühlt sich nicht gut an, keine Wahl zu haben. Mein Mann war an meiner Seite. Ich erlebte alles durch einen Tunnel. Ich wollte einfach nur noch, dass diese Schmerzen ein Ende haben, an etwas anderes konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr denken. Nur zwei Stunden nach Beschluss des Kaiserschnittes war mein Baby da.

Ein winziger, schreiender wunderschöner Junge. Er atmete.

Ein Wunder für mich, da ich darauf vorbereitet wurde, dass er eventuell eine Atemunterstützung brauchen könnte. Aber das hat mein Sohn zum Glück nicht gehört und einfach trotzdem geatmet. Nur wenige Minuten konnte ich ihn betrachten, dann wurde er für weitere Untersuchungen und für eine Erstversorgung mitgenommen und in einen Brutkasten gelegt. Erst viele Stunden später konnte ich ihn wieder sehen. Aber mir ging es Stunde für Stunde besser und ich dachte ununterbrochen: ich habe einen Sohn und er atmet. Ich habe einen Sohn und er atmet. Ich war so dankbar, dass er gesund zur Welt kam. Zu früh. Zu unreif. Zu unvorbereitet. Aber gesund. Und dieses Aber setzte ich allem entgegen. Ich war traumatisiert. Ich war geschockt. Ich war nicht vorbereitet. Aber ich war dankbar.

Es hat Wochen gedauert, bis ich die Erlebnisse verarbeiten konnte und ich wieder richtig festen Boden unter den Füssen hatte und wir gemeinsam das Krankenhaus verlassen durften. Aber für diese Nacht in dieser Minute dachte ich einfach nur: Ich habe einen Sohn und er atmet.

Wir waren fünf Wochen in der Klinik. Gemeinsam. In Heidelberg gibt es die Möglichkeit, bei seinem Frühchen ins Zimmer zu ziehen und bei ihm zu bleiben. Das taten wir. Wir holten nach. Wir kuschelten ununterbrochen. Wir wurden heil so gut es ging. Wir sprachen viel und schwiegen noch mehr. Reifen braucht Zeit. Ankommen braucht Zeit. Verdauen braucht Zeit. Diese Zeit ließen wir uns. Wir igelten uns ein, ließen diesem kleinsten kleinen Mensch die Zeit ohne Trubel und viel Besuch, die er eigentlich noch im Bauch verbracht hätte und hofften auf das Verständnis unserer Freunde und Familie, die wir nach und nach wieder näher an uns ran ließen. So wie es für uns gut tat. Wir kamen Heim in ein zu Hause, dass von unserer Familie auf den kleinen Menschen vorbereitet wurde. Gut Familie zu haben. Ich hatte zum Zeitpunkt der Geburt aufgrund meiner oben beschriebenen Ängste noch nicht einmal einen Body gekauft. Das wollte ich alles in Ruhe machen. Diese Ruhe wurde mir genommen.
Das hat mich noch lange beschäftigt, was uns alles genommen wurde. Der erste Moment, wenn einem das frisch geborene Kind auf den Bauch gelegt wird. Ein rosiges, reifes Baby, das gleich in der Lage ist richtig und genug zu trinken. Stolze Großeltern, die ins Zimmer kommen und das Baby auf dem Arm bekommen. Sorgenfreiheit. Ein ausgiebiges Wochenbett, wo sich die Mutter verwöhnen lassen darf. So vieles. Und doch haben wir so vieles geschenkt bekommen. Zu allererst einmal haben wir das Leben als größtes Geschenk erhalten. Sowohl ich, als auch mein Kind erholten uns schnell von der anfänglich gefährlichen Situation. Wir kamen nach Hause mit einem gesunden Säugling der sich gut entwickelte. Wir lernten gemeinsam das Stillen, was mich ein Stück heil machte und mir zumindest eine Sache schenkte, die ich mir wünschte. Ich lernte, mich auf die positiven Seiten des Lebens zu konzentrieren und mich nicht in den negativen zu verlieren.



Bis heute, drei Jahre später, hat er unser Leben nachhaltig verändert, reicher gemacht. Reicher an so vielen guten Erlebnissen und wichtigen Erfahrungen. Er hat es schlichtweg schöner gemacht. Er bereichert uns und macht zusammen mit seinem gerade geborenen Bruder unsere Familie komplett. Die Frühgeburt wird immer Teil der Existenz unseres Kindes sein, vor allem was unsere Erinnerung betrifft. Aber wir sind gestärkt daraus hervor gegangen. Ich habe viel Demut dem Leben gegenüber bekommen und bin froh um jedes Kind, dass auf die Welt kommt und Leben darf.


Danke liebe Lena, für Deine Geschichte!

Wenn ihr sehen möchtet was aus dem jungen Mann geworden ist, könnt ihr gerne bei Instagram auf ihrer Seite vorbeischauen.
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Bis bald,

kabloggt
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